AUF UND AB UND WIEDER AUF
Teil 1

 

Es gibt gute und schlech­te Tage. Es gibt bes­se­re und här­te­re Zei­ten. Nicht jeder Tag ist gleich.
Die schö­nen Zei­ten brau­chen kei­ne Unter­stüt­zung, das Leben fließt, es geht alles wie von selbst.
Aber was tun, wenn es gera­de nicht so leicht ist?

Dazu möch­te ich euch heu­te ein Modell aus der Grup­pen­dy­na­mik vor­stel­len – das Pha­sen­mo­dell nach Bruce Tuch­man.
Wir sind in unse­ren Fami­li­en jetzt auf uns zurück­ge­wor­fen und auch eine Grup­pe – eine Fami­li­en­grup­pe sozu­sa­gen, mit allen Höhen und Tie­fen.

Die­ses Modell besteht aus 4 (bzw. 5) Pha­sen, die ich euch im Fol­gen­den ver­se­hen mit Tipps und Hilfs­an­ge­bo­ten vor­stel­len möch­te.
Sie grei­fen manch­mal inein­an­der, über­lap­pen sich und begin­ne wie­der von vor­ne. Je bewuss­ter wie sie durch­lau­fen, um so ein­fa­cher wer­den sie in der nächs­ten Run­de.

 

FORMING – Wir for­men uns

Dies ist die Pha­se der Ori­en­tie­rung. Mit­glie­der einer Grup­pe ler­nen sich ken­nen, jeder fin­det sei­ne Rol­le.
Ich den­ke eini­ge bewäl­ti­gen die­se Pha­se in der Coro­na-Aus­nah­me­si­tua­ti­on gera­de gut, eini­ge sind noch dabei die letz­ten Kor­rek­tu­ren vor­zu­neh­men.
Geschwis­ter, die jetzt täg­lich vie­le Stun­den auf engs­tem Raum ver­brin­gen müs­sen und mög­li­cher­wei­se an einem Tisch sit­zen und ler­nen, strei­ten sich viel­leicht gera­de und müs­sen sich erst fin­den in die­sem ver­än­der­ten Lebens­ab­lauf. Die Ver­än­de­rung ging nahe­zu von einem Tag auf dem ande­ren, wir hat­ten nicht viel Zeit uns dar­auf vor­zu­be­rei­ten.
Home-Office und Home-Schoo­ling – Eltern und Kin­der leben und arbei­ten gemein­sam – muss sich erst ein­spie­len.
Im Coa­ching geht man davon aus, dass in die­ser Pha­se der Team­lei­ter beson­ders wich­tig ist. Sein Ver­hal­ten ist rich­tungs­wei­send für die fol­gen­de Zeit.
Was heißt das für uns Eltern? Wir sind nun die Team­lei­ter und das kann schon die ers­te Hür­de sein. Wer ist Team­lei­ter – Vater, Mut­ter oder bei­de?
In die­sem einen Fall haben es Allein­er­zie­he­rIn­nen ein­mal leich­ter. Die­se Fra­ge stellt sich für sie nicht.
Bei allen ande­ren sind gera­de jetzt Zusam­men­ar­beit und gemein­sa­me Abspra­chen sehr wich­tig. Je kla­rer Regeln, Ver­hal­tens- und Vor­gangs­wei­sen abge­spro­chen wer­den, umso leich­ter wird die fol­gen­de Zeit. Es ist wich­tig für ein ange­neh­mes Kli­ma zu sor­gen, sich gegen­sei­tig zu unter­stüt­zen und zu moti­vie­ren.
Team­lei­tung (hier Eltern) müs­sen eine Mög­lich­keit für gemein­sa­men Mei­nungs­aus­tausch schaf­fen, den Kon­takt unter­ein­an­der ermög­li­chen und dafür sor­gen, dass jedes Team­mit­glied (hier Fami­li­en­mit­glied) sei­nen eige­nen Platz bekommt.

Rezep­te dafür gibt es nicht, jeder muss sei­ne eige­ne Form fin­den. Ich kann aber Anre­gun­gen bie­ten. Mögen die­se euch moti­vie­ren, eure eige­nen For­men zu fin­den, um gut durch die­se Pha­se zu kom­men.

Fami­li­en­kon­fe­ren­zen hel­fen eine Rich­tung zu geben, einen gemein­sa­men Hand­lungs­plan zu erstel­len und danach zu leben. Anlei­tung zu einer Fami­li­en­kon­fe­renz fin­det am in mei­nem Buch „Zufrie­de­ne Kind­heit – erfolg­rei­che Schul­zeit. Wie Kon­zen­tra­ti­on geför­dert wer­den kann“, aber auch das Inter­net bie­tet vie­le Infor­ma­tio­nen.

Wert­freie Gesprä­che sind ein sehr geeig­ne­tes — wenn auch nicht immer leich­tes, weil in unse­rer Gesell­schaft lei­der noch sehr unüb­li­ches — Mit­tel die­se Pha­se zu durch­lau­fen. Ver­sucht es ein­mal die Din­ge nicht zu wer­ten, sie von einer neu­tra­len Posi­ti­on aus zu betrach­ten. Es lohnt sich.

Lob und Moti­va­ti­on ist für mich eine der bes­ten Mög­lich­kei­ten mit Men­schen pro­duk­tiv zu arbei­ten. Fast alle reagie­ren posi­tiv, wenn sie gelobt oder moti­viert wer­den und sind viel schnel­ler bereit sich Her­aus­for­de­run­gen zu stel­len.

Ritua­le hel­fen uns, vor allem in schwie­ri­gen Zei­ten. Eigent­lich ist unser gan­zer Jah­res­ab­lauf von Ritua­len bestimmt. Sie geben uns Ori­en­tie­rung und oft moti­vie­ren sie uns, Zei­ten zu durch­ste­hen und Din­ge zu tun, die wir gera­de nicht so ger­ne machen. Denn am Ende kommt durch das Ritu­al, auf das wir uns schon freu­en, die Beloh­nung. Gera­de jetzt emp­feh­le ich Fami­li­en sol­che Ritua­le. Ein Tages­ri­tu­al und ein Wochen­ri­tu­al – dar­auf kann man sich freu­en und das gibt uns Kraft zum Durch­hal­ten.

Spie­len und Lachen für mich immer noch „die bes­te Medi­zin“. Holt eure Brett­spie­le her­aus, spielt mit ein­an­der, habt Spaß und ver­gesst nicht zu lachen.

 

STORMONG – Die Nah­kampf­pha­se beginnt

Nun sind wir in einer sehr heik­len, den­noch wich­ti­gen und inter­es­san­ten Pha­se, ange­langt. Eine Zeit, in der Anfor­de­run­gen, aber auch Bedürf­nis­se zuneh­mend kla­rer wer­den. Man kommt sich auf ange­neh­me und unan­ge­neh­me Wei­se näher. Es gibt unter­schied­li­che Auf­fas­sun­gen, Kon­flik­te ent­ste­hen. Ers­te Pro­ble­me der Zusam­men­ar­beit wer­den sicht­bar.
Im Coa­ching kennt man zwei Arten von Kon­flik­ten – Auf­ga­ben­kon­flik­te und Rol­len­kon­flik­te.

Was heißt das für eine Fami­lie?
Auf­ga­ben­kon­flik­te erge­ben sich, wenn die Auf­ga­be für ein Fami­li­en­mit­glied kom­pli­ziert ist als ange­nom­men oder nicht attrak­tiv genug und mit den Erwar­tun­gen nicht über­ein­stimmt.
Ein Bei­spiel dafür: Er (gemeint ist der Bru­der) hat nicht so viel zu tun wie ich. Ich muss immer das machen, was sonst kei­ner will!
In die­sem Fall kann ein Team (Familien)mitglied sehr emo­tio­nal wer­den und es ent­ste­hen Kon­flik­te.
Rol­len­kon­flik­te ent­ste­hen, wenn ein­zel­ne Fami­li­en­mit­glie­der Vor­stel­lun­gen haben, die mit der Rea­li­tät nicht ver­ein­bar sind. Hier fin­de ich, soll­ten wir jetzt unse­ren Fokus legen, denn ich ver­mu­te die­ser Her­aus­for­de­rung müs­sen wir uns in naher Zukunft stel­len.
Das „Urlaubs­ge­fühl“ die­ser Aus­nah­me­si­tua­ti­on wird sehr rasch ver­schwin­den und das, was eigent­lich ist, wird in unser aller Bewusst­sein gelan­gen. Wir sind abge­trennt, ein­ge­sperrt – und das will kei­ner für län­ge­re Zeit.
Dann wird Unzu­frie­den­heit vor­herr­schen und Über­for­de­run­gen wer­den auf uns zukom­men. Zorn, Wut, Trau­er und Streit sind dann nur lei­der all­zu schnell an der Tages­ord­nung.

Die Auf­ga­be des Team­lei­ters, in unse­rem Fall der Eltern, in die­ser Pha­se ist von zen­tra­ler Bedeu­tung. Ohne Unter­stüt­zung des Team­lei­ters zer­bre­chen Teams oft in die­ser Stor­ming­pha­se.

Wir wol­len als Fami­lie aber nicht zer­bre­chen. Das ist jetzt auf kei­nen Fall das Ziel.
Nun gilt es einen küh­len Kopf und Ruhe zu bewah­ren. Die Situa­ti­on soll­te, wenn mög­lich, nicht eska­lie­ren.

Was kann man tun? Wie­der­um von mir eini­ge Anre­gun­gen, mit der Bit­te krea­tiv zu wer­den und den eige­nen rich­ti­gen Weg zu fin­den.

Aus­zei­ten schon im Vor­feld ein­pla­nen. Lei­der sind für eini­ge die Mög­lich­kei­ten momen­tan sehr ein­ge­schränkt. Aber es ist wich­tig sich abzu­spre­chen und für Aus­zei­ten zu sor­gen.

Regel­mä­ßi­ge Gesprä­che hel­fen Kon­flik­te früh genug auf­zu­de­cken und sie recht­zei­tig abzu­fan­gen. Gemein­sa­me Gesprä­che sind moti­vie­rend und unter­stüt­zen her­aus­for­dern­de Situa­tio­nen. In mei­ner lang­jäh­ri­gen Arbeit mit Kin­dern habe ich immer wie­der erlebt, wie offen Kin­der für Gesprä­che waren und es ihnen anschlie­ßend leich­ter fiel auch unan­ge­neh­me Din­ge zu meis­tern.

Auf­ga­ben sicht­bar machen und abwech­seln: Spä­tes­tens jetzt soll­te es Tages- und Auf­ga­ben­ein­tei­lun­gen geben. Für Kin­der – und wenn wir ganz ehr­lich sind auch für uns Erwach­se­ne – ist es hilf­reich die­se Auf­ga­ben sicht­bar zu machen. Pinn­wand, Kühl­schrank- oder Küchen­tü­re und post-its sind dafür her­vor­ra­gend geeig­net. Emp­feh­lens­wert ist es auch Auf­ga­ben immer wie­der abzu­wech­seln, so hat jeder die Chan­ce auf unge­lieb­te Auf­ga­ben…

Gefüh­le zulas­sen: Wahr­schein­lich wer­den wir in nächs­ter Zeit noch in Situa­tio­nen gelan­gen, die uns ein wei­nig ver­zwei­feln las­sen, die uns trau­rig machen. Unter­drü­cken hat kei­nen Sinn. Auch die­se Gefüh­le brau­chen ihren Platz. Lasst bei euch und auch bei euren Kin­dern  Mut­lo­sig­keit, Trau­er, Ver­zweif­lung zu und wer­tet sie nicht. Nehmt eure Kin­der, euren Part­ner oder euch selbst in die Arme und seid ein­fach da.

 

Ich wün­sche euch vie­le schö­ne Tage,
bei den schlech­ten Tagen viel Ver­trau­en, Mut und Ver­ständ­nis

Rose­ma­rie Peer
www.rosemariepeer.at

 

Ich weiß, es sind erst zwei Pha­sen, über die ich berich­tet habe. Damit es nicht zu vie­le Infor­ma­tio­nen auf ein­mal sind, erfährt ihr im nächs­ten Blog wie es wei­ter­geht